Ich bin wie ein abgestürzter Browser

Ich bin wie ein abgestürzter Browser

von Karen Leppien
18.02.2025

In eigener Sache und doch auch nicht nur:

Zur Zeit fühle ich mich wie ein abgestürzter Browser: ein paar offene Fenster, CPU-Auslastung bei 99%, aber es passiert doch nichts.

Andere Menschen in meiner sozialen Echokammer veröffentlichen einen kritischen, aufklärenden, aufwühlenden, animierenden Text nach dem anderen in den sozialen Medien, analysieren Situationen mit Tiefsinn und Weitblick und sprechen und schreiben laut und deutlich gegen rechte Tendenzen und braune Wiederkäuer.

Mir hingegen fehlen im Alltag die Worte. Mir fehlt das Verständnis, das Vorstellungsvermögen. Ich kann mit meiner Erziehung, mit meinem Weltbild, meiner Moral und Ethik, vor allem aber mit meinem menschlichen Anstand nicht begreifen, was gerade passiert.

Ich sehe zu und weiß nicht, wie mir und uns in Deutschland und der ganzen Welt geschieht.

Das geht doch nicht, 

dass sich mächtige Menschen bewusst hinwegsetzen über jeglichen Anstand, indem sie Fakten verdrehen, Täter zu Opfern machen und rechtsstaatliche Prinzipen ignorieren!

Das tut man doch nicht, 

die allgemeinen Regeln des Miteinanders zu ignorieren! Zugunsten des eigenen Vorteils Mitgefühl, Respekt, Achtung und Rücksicht völlig außer Acht zu lassen.

Man darf sich doch nicht anbiedern 

bei denen, die Böses wollen! Es weiß doch jeder, dass das nur in die Hose geht!

Die meinen das doch nicht ernst!?
Was glauben die denn eigentlich!?

Es ist kein Geheimnis, dass die Anständigen verlieren, sobald die Unanständigen nicht aufgehalten werden. Immer haben diejenigen den Vorteil, die am lautesten schreien, die einen Scheiß drauf geben, was andere denken und am dreistesten das durchziehen, was sie selbst wollen, ohne Rücksicht auf Verluste bei den anderen. Und ich habe große Angst, dass wir gut 90 Jahre nach 1933 mal wieder verlieren, big time.

Es findet derzeit ganz offensichtlich eine radikale Veränderung der bisher lange Zeit grundlegenden Werte und Gepflogenheiten statt. Wenn ein Mächtiger heute sagt „wir werden niemals...“, dann ist diesem nicht mehr zu glauben, Brandmauern stehen wackelig. Und wenn so jemand offen schreibt, dass er die Welt aus den Angeln heben wird, dann glaubt ihm keiner, Allmachtsfantasien werden belächelt. Das gilt für Merz und Weidel (Höcke und seine braune Horde sind erstaunlich schweigsam zur Zeit, aber ich bin überzeugt, dass das nur die Ruhe vor dem Sturm auf den Reichstag ist) genauso wie für Trump und Musk und Putin.

In immer kürzeren Abständen und inzwischen sogar manchmal ohne vorher abgewiegelt zu haben, ignorieren diese Mächtigen und Lauten sämtliche Umgangsweisen einer zivilisierten Gesellschaft, einfach, weil sie es können und es ihnen in den Kram passt und ziehen Leichtgläubige und Verzweifelte und einfachdenkende Menschen mit sich. 

Es passiert alles mit Ansage. So wie Hitler und Goebbels im vergangenen Jahrhundert haben die heutigen Demagogen und politischen Brandstifter*innen alle ihre Handlungen und Strategien vorher veröffentlicht und angekündigt¹. Nora Markard und Ronen Steinke beschreiben in ihrem Buch „Jura Not Alone“ kurz und knackig im Kapitel „Demokratie: Wie stabil sind wir gegen eine Übernahme von rechts“ dieses Szenario aus den 1920er und 1930er Jahren, das so deutliche Parallelen zur heutigen Zeit hat, dass es mir kalt den Rücken runter läuft. Was heute passiert ist also nichts Neues, weder konkret noch abstrakt.

Und doch scheint es, stehen die Anständigen mit offenem Mund daneben und können nicht glauben, was passiert. Die Medien machen fleißig mit, indem sie allen Statistiken zum Trotz auf dem rechten Auge blind quasi ausschließlich über die einzelnen Taten von Menschen mit ausländischem Hintergrund berichten. Die politischen Vertreter der Anständigen heben weiter anständig und mit Vernunft den erhobenen Zeigefinger und äußern „du, du, du...“-Worte, und doch macht es den Eindruck, dass sie immer noch glauben, es würde alles schon nicht so schlimm werden.

Oder sie fangen an, den Demagogen nach dem Mund zu reden, aber damit sind diese ja auch nicht mehr anständig.

Zur Zeit passiert jeden Tag etwas Unglaubliches, Schreckliches, benimmt sich wieder jemand öffentlich und ungestraft so unverfroren und dreist, dass man nicht weiß, wo anfangen mit dem Aufschrei, der Entrüstung und der „seht ihr es nicht!?“-Deklamation.

Dieses Überschütten mit Ereignissen, Aussagen, Ankündigungen, dieses Dauerfeuer an Frechheiten, Dreistigkeiten, Unverfrorenheiten ist zum einen gezielte Methode. Eine Methode, die Anständigen mit dauernden Aufregern so sehr zu überfluten, dass die Reaktionen im Versuch stecken bleiben und keine vernünftige Handlung mehr möglich scheint, weil man nicht weiß, wo man anfangen soll. Wie bei einem abgestürzten Windows-Computer. In einer wunderbaren Episode seines Podcast der New York Times hat der Kolumnist Ezra Klein Anfang Februar 2025 sehr eindrücklich darüber gesprochen: „Don’t believe him“, hier bei YouTube nachzuschauen).

Gleichzeitig kann das Überschütten auch ein Zeichen für einen Dammbruch sein, bei dem alles, was seit langem in den Hinterzimmern vorbereitet wurde, jetzt einfach mit aller Macht durch die Bruchstelle des Dammes an die Öffentlichkeit fließen kann. Weil nicht mehr ausreichend Sandsäcke vorhanden sind, um der Flut an Fürchterlichkeiten Grenzen zu setzen.

Lange Zeit habe ich mich gefragt, was meine Großeltern getan haben, als sie in den 1930ern hätten handeln müssen. Inzwischen erleben wir es an uns selbst und auch ich will meine eigene Frage anders formulieren: wie schlimm muss es noch werden, damit ich aus meiner empörten Sprachlosigkeit aufwache und endlich teilnehme an wirksamen Maßnahmen gegen diesen braunen Wahnsinn!?


1) https://correctiv.org/aktuelles/neue-rechte/2024/01/10/geheimplan-remigration-vertreibung-afd-rechtsextreme-november-treffen/ (zuletzt besucht 17.02.2025); https://www.gwi-boell.de/sites/default/files/weiterdenken_afd_auflage3.2_digital.pdf (zuletzt besucht 17.02.2025)

Karen Leppien
Karen Leppien
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